Schutzantrag one – ein Erfahrungsbericht von (Bi)anka

Bild von Wolfgang Eckert auf Pixabay

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Am 04. Februar 2019 stellte ich einen Schutzantrag bei der Russischen Föderation über Sonja und Markus Bergfeld von Schutzantrag one. Hierzu erhielt ich Formulare, die ich kostenpflichtig für 291,00 Euro erwarb. Diese beinhalteten eine Vollmacht für Sonja und Markus Bergfeld, um bei der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation, dem Präsidenten Wladimir Putin, dem Verteidigungsministerium und dem Untersuchungsausschuß der Russischen Föderation in Moskau für mich tätig werden zu können. Außerdem eine Urkunde Schutzantrag, eine Willenserklärung mit integrierter Personenstandsänderung und einem integrierten Schadensersatzvertrag.

Weiterhin sandte ich meine internationale Geburtsurkunde mit Foto zur Apostillierung und zwei Strafanzeigen mit Datum 20. Februar 2019 und 06.März 2019 zur Übersetzung und Weiterleitung an den Generalstaatsanwalt zu. Kostenpunkt für die Übersetzung 104,00 Euro (1. Strafanzeige) und 26,00 Euro (2. Strafanzeige). Kosten insgesamt 421,00 Euro, die Bezahlung per Überweisung ging an eine Frau in Vilnius/Litauen, Paysera LT.

Bevor ich meinen Schutzantrag stellte, nahm ich an den wöchentlichen Zoom-chats teil, die von Sonja Bergfeld geleitet wurden. Es waren jeweils um die 100 Teilnehmer präsent, die nur dann an dem Zoom-Chat teilnehmen durften, wenn sie durch ihre Webcam für alle sichtbar waren. Diese Bedingung wirkte auf mich wie ein Qualitätskriterium. Zudem waren viele kompetente Kommerzler im Chat, die brauchbare Tips für vom BRD-System drangsalierten Menschen bereitstellten, was mich erneut davon überzeugte, daß dieser Weg ein effektiver sein kann. Sonja selbst erzählte, daß sie und ihr Mann Asyl in Rußland/Sankt Petersburg erhalten haben und nun ihre Mitmenschen in Deutschland an ihren positiven Erfahrungen in Rußland teilhaben lassen wollen. Uns allen gemeinsam waren gravierende Negativerfahrungen mit dem BRD-System, was uns auch ein Gefühl von Solidarität und Sicherheit gab.

Ich persönlich war bereits seit April 2018 unfreiwillig ohne festen Wohnsitz innerhalb Schleswig-Holsteins unterwegs, nachdem ich nach Feststellung meiner Staatsangehörigkeit im August 2016 nur wenige Monate später gravierenden Angriffen auf mein Leben ausgesetzt wurde, inkl. Existenzzerstörung und einer durchgängigen unterlassenen Hilfeleistung von allen involvierten Behörden. Doch das soll heute nicht das Thema sein. Ich war unentwegt auf der Suche nach Schutz, nach Heilung und nach Verantwortungsübernahme, was innerhalb der BRD-Jurisdiktion nicht möglich ist. Nach einem Gespräch mit Sonja Bergfeld fragte sie mich, ob ich nicht lieber einen Asylantrag in Rußland stellen wolle, wenn mein Leben in der BRD in Gefahr sei. Darüber hatte ich schon lange vorher nachgedacht, aber immer auch gehofft, daß meine Kraft ausreichen würden, mich innerhalb der BRD zur Wehr setzen zu können. Anfang 2019 waren meine Kräfte allerdings dermaßen erschöpft, daß ich entschied, nach Rußland zu fliegen, um dort einen Antrag auf Asyl zu stellen. Außerdem war es ein Privileg, dort auf die Unterstützung von Leuten zurückgreifen zu können, die diesen Weg schon vor mir gegangen waren. Ich verkaufte mein Auto und investierte mein letztes Geld für den Flug nach Rußland. Meine Katze nahm ich mit.

Sonja bot mir an, die erste Zeit in ihrer Zweitwohnung für 200 Euro monatlich wohnen zu dürfen, worüber ich super glücklich war. Als das Flugzeug am 24. April 2019 vom Hamburger Flughafen abhob, brach mein Herz einerseits, mein Land und meine menschlichen Verbindungen verlassen zu müssen, aber ich wußte auch, daß meine Überlebenschancen mit jedem weiteren Monat in Deutschland schwinden würden und Rußland der letzte rettende Strohhalm für mich ist. Zuversicht und Optimismus überwogen dann immer mehr – endlich würde ich wieder in Sicherheit leben können.

Am späten Abend kam ich in Sankt Petersburg an. Sonja holte mich mit ihrem privaten Fahrer vom Flughafen ab und wir fuhren zu ihr nach Hause. Dort verbrachte ich die erste Nacht, bevor ich dann in eine kleine Wohnung in einem riesigen Wohnkomplex außerhalb der Stadt gebracht wurde. Sonja hatte auf meine Bitte ein Katzenklo, Katzenfutter und Lebensmittel für die ersten Tage für mich besorgt. Ich beglich die Kosten, nachdem ihr Mann mir etwas Geld wechselte und bot an, sie – in welcher Form es auch immer gebraucht wird – unterstützen zu wollen, sobald mein Asylantrag gestellt ist. In der darauffolgenden Woche fuhren wir, ihr Mann, ihr Fahrer, Sonja und ich zur Migrationsbehörde. Vorerst mußte Sonja noch selbst einen Behördengang erledigen. Angekommen in der Migrationsbehörde war jedoch kein deutscher Übersetzer dort, so daß uns gesagt wurde, ich solle am 08. Mai 2019 um 16.00 Uhr in die Behörde kommen, dann würde ein deutscher Dolmetscher anwesend sein. Danach fuhren wir zum Roten Kreuz und sprachen mit einer Sozialarbeiterin, die damals Sonja und Markus nach ihrer Flucht betreut hatte. Wir unterhielten uns auf englisch und sie erzählte mir, daß ich mich innerhalb von sieben Tagen in Rußland registrieren müsse, was ich nicht wußte. Sonja hätte mich in ihrer Wohnung registrieren müssen, aber sie sagte, das ginge nicht und daß ich mir ein Hostel suchen sollte, wo ich mich registrieren lassen könne.

Am nächsten Tag teilte mir Sonja mit, daß sie keine Zeit hätte und ich mich allein darum kümmern müsse. Damit hatte ich kein Problem, denn meine Erwartungshaltung war nicht, daß sie mir permanente Hilfestellung geben sollte. Aber ich wußte nicht einmal, an welchen Ort ich gebracht wurde. Zudem sprechen nicht alle Russen Englisch und ich sprach kein Russisch. In der Wohnung selbst hatte ich kein Wlan, so daß ich ein gebrauchtes Smartphone von ihrer Sekretärin kaufen mußte, um überhaupt Kontakt zur Außenwelt herstellen zu können. Eigentlich war es finanziell nicht vorgesehen, denn ich hatte meine finanziellen Mittel so eingeplant, daß ich zwei Monate ohne Unterstützung von außen überleben konnte. Aber ich hinterfragte es nicht, sondern stellte mich auf die  neuen Herausforderungen ein – diese Strategie half mir bereits in Deutschland, zu überleben.

Dann erreichte mich eine telegram-Nachricht von Markus Bergfeld, auf die ich nicht vorbereitet war. Ich hätte noch einen Tageslohn seines Fahrers über 5.000 Rubel plus 2.000 Rubel Benzinkosten zu begleichen. Zudem 5.000 Rubel für das Handy, wovon ich jedoch schon 2.000 Rubel in bar an Sonja übergeben hatte, um mir Wlan in ihrer Wohnung zu ermöglichen, was zu keinem Zeitpunkt geschehen war. Beide wußten, in welcher schwierigen, insbesondere finanziellen Lage ich mich befand und daß ich diese hohen Kosten nicht aufbringen konnte. Ich hätte mich für die günstigere Variante, für die Metro, entschieden, mit der ich für 50 Rubel günstig von A nach B fahren kann. Es gab während der ersten Woche, in der ich die Bergfelds kennengelernt hatte, mehrere Situationen, die mich stutzig und nachdenklich machten, so daß ich ab diesem Zeitpunkt beschloß, nur noch schriftlich mit beiden zu kommunizieren. Den Restbetrag für das Handy sowie die anteilige Miete wollte ich auch zum eigenen Nachweis überweisen, doch ich erhielt bis zum heutigen Tage keine Bankverbindung. Am Abend des 02. Mai 2019 standen plötzlich Sonja und weitere Leute vor meiner Tür und wollten, daß ich öffne. Sie klopften immer wieder an die Tür und versuchten sie aufzuschließen, aber ich hielt entgegen, daß ich nur noch unter Zeugen oder einem Anwalt mit ihnen reden wolle. Dann äußerte Sonja Aussagen, die ich mangels Zeugen hier noch nicht veröffentlichen kann, aber die mich dann dazu bewogen, schnellstmöglich die Wohnung zu verlassen. Am 03. Mai 2019 verließ ich dann auf eigene Faust die Wohnung. Ich hinterließ einen Zettel, worauf ich schrieb, daß ich auch den Haustürschlüssel nur unter Zeugen übergeben würde und die anteilige Miete sowie den Restbetrag für das Smartphone überweisen werde, sobald Sonja mir die entsprechende Bankverbindung geben würde. Mir fiel dazu ein, daß ich die Sozialarbeiterin des Roten Kreuzes darum bitten kann, hier als Vermittlerin zu agieren. Als ich die Wohnung verließ, setzte ein leichter, aber kalter Schneeregen ein, auf den ich kleidungsmäßig nicht eingestellt war. Ich hatte schweres Gepäck zu tragen, meine Katze, meinen Rucksack und wußte nicht, wohin. Ich ging in Richtung Metro und fuhr ins Zentrum. Gesundheitlich angeschlagen und kräftemäßig an meine Grenzen gekommen gelang es am späten Nachmittag durch die Hilfe von freundlichen Russen, ein Zimmer zu bekommen. Dem folgten noch zwei weitere Unterkünfte, die meine finanziellen Mittel restlos überstrapazierten, aber ich hatte keine andere Wahl. Mit Katze war es noch schwieriger, eine Unterkunft zu finden und ich mußte jede Situation nehmen, wie sie kam.

Es folgten dann zwei weitere Wochen, in denen ich nur noch damit beschäftigt war, eine Schadensbegrenzung in der Sache herbeizuführen. Markus Bergfeld hatte mir per Telegram geschrieben, daß er zwei Strafanzeigen gegen mich aufgegeben hätte. Wegen des Handys und wegen der Schlüssel – obwohl ich mehrmals schriftlich erklärt hatte, daß ich das Geld überweisen würde und die Schlüssel unter Zeugen übergeben werde. War eine Kriminalisierung geplant, um meinen Antrag auf Asyl zu verhindern? Diese Vermutung, die in mir aufkam, bekam einen ganz neuen Stellenwert, als ich nämlich am 08. Mai 2019 pünktlich bei der Migrationsbehörde erschien und kein Dolmetscher dort war. Auch mein Anruf bei der Sozialarbeiterin des Roten Kreuzes, die sich telefonisch bei dem Mitarbeiter einschaltete, konnte keine Veränderung der Situation herbeiführen. Ich mußte wieder zurück in meine Unterkunft gehen und in wenigen Tagen zurück nach Deutschland fliegen, weil mein 3-wöchiges Visum auslief. Ich kann nicht in Worte fassen, wie traumatisierend diese Ereignisse für mich waren – darauf war ich zu keiner Zeit vorbereitet. Die letzten Tage verbrachte ich damit, eine schriftliche, auf englisch verfaßte Stellungnahme bei der örtlichen Polizei abzugeben. Nachdem die Sozialarbeiterin des Roten Kreuzes Bedenken hatte, als Vermittlerin für die Schlüsselübergabe an die Bergfelds zu fungieren, brachte ich diese zur gleichen Polizeibehörde und informierte Sonja schriftlich darüber. Ich teilte ihr mit, daß ich nur noch wenige Tage Zeit hätte, den Betrag für Smartphone und Miete an sie zu überweisen, doch eine schriftliche Mitteilung ihrer Bankdaten erhielt ich nicht.

Ich wendete mich noch schriftlich an die UNHCR-Behörde in Moskau, um auf meine Situation aufmerksam zu machen und per E-Mail an Präsident Putin, aber es sollte alles nichts mehr nützen. Meine Zeit lief ab und ich mußte Rußland verlassen, ohne die Chance gehabt zu haben, überhaupt einen Asylantrag stellen zu können. Meine Bestellung für den Schutzantrag liegt mittlerweile knapp 6 Monate zurück. Die Vollmacht für meine BRD-Strafanzeigen habe ich den Bergfelds entzogen und ich erhalte keine Antwort, in welchem Bearbeitungsstatus sich beide befinden. Ich erhalte auch keine Antwort darüber, wer meine Strafanzeigen übersetzt hat, denn merkwürdigerweise wurde mir die Übersetzung meiner zweiten Strafanzeige zugeleitet, aber es ist nicht ersichtlich, wer diese übersetzt hat. Und warum wurde mir meine erste Strafanzeigen vom 20. Februar 2019 noch nicht zugeleitet? Wo befindet sie sich und wo befindet sich meine Beweis-CD, die Sonja ebenfalls übergeben wurde? Warum antwortet sie mir nicht auf meine berechtigten Fragen? Diese Fragen stehen ungelöst im Raum, doch ich bin sicher, daß sie eines Tages gelöst werden. Mein Fall ist mittlerweile von internationaler Relevanz und wenn es einen Sinn gehabt hat, diese Erfahrungen auch noch mitnehmen zu müssen, dann den, daß ich wichtige Zusammenhänge erkennen konnte. So konnte rechtzeitig verhindert werden, daß ich erneut in eine vollkommen falsche Richtung laufe, dessen Endergebnis ganz sicher nicht in meinem Interesse gewesen wäre.


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